Mär
19
2009

Interview: Was die Deutsche Wanderjugend mit Geocaching zu tun hat

screen_2009-03-18_18-47-11Hallo Jörg, du bist bei der Deutschen Wanderjugend (DWJ) verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit. Die DWJ betreut im Rahmen der Seite geocaching.de auch Presseanfragen über Geocaching.

Hallo Michael. Ja das stimmt. Wir sind ein ganz kleines Büro und jede/r von uns hat ziemlich viele Aufgaben. Und im Bereich Geocaching erledige ich neben unserer Bildungsreferentin und unserer Bürokraft überwiegend die Anfragen zum Thema Geocaching.

Die DWJ beschäftigt sich als Organisation damit, junge Leute dazu zu bringen, rauszugehen in die Natur. Dabei fördert ihr auch das Geocaching als Stilmittel. In Schleswig-Holstein eskaliert aber derzeit gerade ein neuer Vorstoß, das Waldbetretungsrecht zu verschärfen. Er sieht unter anderem vor, das Betreten des Waldes abseits von Forstwegen in der Zeit von 1. Februar bis zum 15. Juni zu verbieten. Deine Meinung dazu?

Junges Wandern ist ein besonderes Thema für uns, das zeigt der Bundeswettbewerb “Jugend wandert” (jugend-wandert.de), welcher gerade zu Ende gegangen ist. Geocaching als Methode ist neben Themenwanderungen, Zeltlagern, Trekking oder ähnlichem eine von vielen Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche nach draußen zu locken. Und dazu noch eine sehr gute, weil es halt mit moderner Technik zu tun hat. Das begeistert Kinder nun mal.

Zum Vorstoß in Schleswig-Holstein kann ich nur sagen, dass unter einer solchen - in meinen Augen abstrusen - Idee gerade Kinder leiden werden. Kindergärten und teilweise auch Schulen gehen mittlerweile mit den Jüngsten raus in die Natur, in den Wald. Sollen die jetzt vom 1. Februar bis 15. Juni nur auf einen Spielplatz dürfen? Oder dürfen Wander- oder Sportvereine dann nicht mehr ein Jugendcamp oder ein Zeltlager veranstalten? Oder dürfen unsere Kinder den Wald nur noch vom geschotterten Weg aus von Ferne ansehen? Bei aller (vorgegebenen) Liebe für die Natur, da hat jemand nicht lang genug über die Auswirkungen nachgedacht. Und die Naturschutzverbände, so wie wir übrigens auch einer sind, was wenige wissen, haben sich ja gleich öffentlich dagegen ausgesprochen, was wohl einiges sagt.screen_2009-03-18_18-48-44

Moenk als Mitleser meines Blogs mutmaßte, dass die Jägerlobby, der man die Vorschläge zur Verschärfung des Betretungsrechtes anlastet, offenbar besser funktioniere als die der Geocacher. Betreibt die DWJ als Sachwalter der Geocacher überhaupt eine Lobbyarbeit in dieser Angelegenheit?

Da dürfte Moenk Recht haben, denn es gibt viele Jäger. Jäger haben eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, was manche vielleicht nicht so sehen mögen und sie haben für Ihre Interessenvertretung einen Verband und dementsprechend eine politische Lobby. Deutschland ist meines Erachtens ein Land mit ziemlich vielen Verbänden, was allein ein Blick ins Telefonbuch zeigt. Leider braucht man offensichtlich starke Interessenvertreter, wenn man in der politischen Struktur von Parteien und Behörden etwas für seine Interessen erreichen will. Nur mal ein Beispiel aus einem völlig anderen Gebiet: Genmais wird von einflussreichen Interessenverbänden nach und nach “gesellschaftsfähig” gemacht und immer mehr verbreitet. Meines Wissens haben aber viele Bürger Bedenken gegen genmanipulierte Lebensmittel. Aber ohne eine noch stärke Gegenlobby werden Industriekonzerne in unserem politischen System mittelfristig leider gewinnen.

Aber eines stimmt nicht in Deiner Frage. Wir sind nicht Sachwalter der Geocacher und streben das nicht an. Das passt auch gar nicht zu unseren vielfältigen anderen Aktivitäten innerhalb der DWJ. Da gibt es auch Tanz, Kultur und Brauchtumspflege, wir haben ‘ne Menge zu tun, keine Frage. Als formeller Betreiber der Seiten Geocaching.de und Opencaching.de für das Freiwilligenteam Geocaching.de unterstützen wir selbstverständlich sinnvolle Aktivitäten rund ums Geocaching. Zu nennen beispielsweise unsere Anfrage beim Bundesamt für Naturschutz (BfN), um die Geodaten der Schutzgebiete zu erhalten. Denn wenn die Geocacher beim Suchen oder schon beim Auslegen wissen, dass sie sich in einem Naturschutzgebiet befinden, dann sind sie sicherlich entsprechend vorsichtiger bei der Hobbyausübung und verlassen im NSG eben nicht den Wanderweg. Da gibt es trotzdem ausreichend gute Möglichkeiten zur Platzierung der Dose. Geocaching ist ‘ne tolle Sache, gerade auch für Familien mit nicht so “bewegungssüchtigen” Kindern, da möchten wir schon gern mit unseren Kontakten und Möglichkeiten dazu beitragen, dass Geocaching nicht zum roten Tuch anderer Interessengruppen wird.

Was konkret tut die DWJ dagegen?

Gerade hinsichtlich des Betretungsrechtes ist es bundesweit schon aus der Natur der Sache heraus ein wichtiges Anliegen unseres “Erwachsenenverbandes”, dem Deutschen Wanderverband (DWV) mit seinen jetzt fast 60 Wandervereinen, dass es keine unverhältnismäßigen Bestimmungen gibt. Zumal die über 200.000 Kilometer Wanderwege fast vollständig durch Ehrenamtler aus eben diesen Wandervereinen unentgeltlich betreut, markiert, umgelegt (z. B. wegen Sturmschäden) oder eben einfach verbessert werden (z. B. durch neue Streckenvorschläge). Wandervereine werden in den Bundesländern bei Sachfragen als Träger öffentlicher Belange zu neuen Windkraftanlagenstandorten oder anderem in die Enscheidungsprozesse einbezogen. Personen aus dem Verband sitzen in für Naturschutzfragen wichtigen Gremien wie dem Deutschen Naturschutzring (http://www.dnr.de). Die Wandervereine haben kein Interesse an unausgegorenen Betretungsregeln, dazu müssen sie manchmal ganz schön kämpfen. Das war jetzt quasi der Werbeblock :-)

Immer offensichtlicher wird auch, dass Geocacher in Wäldern nicht immer naturkonform verhalten und daher in Misskredit geraten. Wie sollte sich ein Geocacher deiner Meinung nach verhalten, der im Wald von einem Jäger angesprochen wird und der ihn womöglich des Waldes verweisen will?

Klar, wenn immer mehr Personen die Freizeitbeschäftigung gut finden und praktizieren, steigt der Anteil Uninformierter und auch Schwarzer Schafe mit an. Gäbe es viel mehr Pilzesammler, würde es dort auch deutlich werden. Viele Verstöße passieren zumeist aus Unwissenheit. Oder wüsstest Du über die Fledermauswinterquartiere in Höhlen oder über besondere, schützenswerte Blumen oder Gräser am Wegesrand umfassend Bescheid? Ich nicht. Aber ich lerne immer was dazu. Grad neulich auf einer Ausstellung kam ich mit einem Jäger an seinem Ausstellungsstand ins lockere Gespräch. Es ging um diese roten Holzpyramiden, die mancherorts an Landstrassen stehen. Sie kennzeichnen Orte, an denen Wildunfälle passiert sind. Klasse, wieder was gelernt. Und dann erzählte er mir von menschlichen Gerüchen in Wiesen (z. B. nach einem Picknick) oder im Dickicht beim Pilzesuchen, die dort je nach Wind noch stundenlang verbleiben. Tja, was passiert? Scheues Wild traut sich nicht an angestammte Futterplätze und knabbert dann an jungen Bäumen, die dann leider daran zugrunde gehen.

Was ich damit sagen will, ist, dass es schon gute Sachgründe gibt, warum einem z.B. der Jäger (hoffentlich freundlich) anspricht. Und wie man in den Wald reinruft, schallt es eben heraus. Meine Strategie ist die sachlich-freundliche Schiene. Zum Ärgern gehören immer Zwei. Einer der ärgert und einer der sich ärgern lässt. Soll er doch laut werden, dann werde ich immer freundlicher :-). Es kann natürlich nicht schaden, wenn man über die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen Bescheid weiß, steht ja zum Teil auf Geocaching.de oder im Naturschutz-Unterforum im Geoclub. Man sollte sich nicht ins Boxhorn jagen lassen. Wenn man weiß, dass man im Bundesland X auch Nachts auf Wegen im Staatsforst - ohne groß zu lärmen - spazieren gehen darf, dann darf man das. Punkt. Und wenn der Jäger auf den Range-Rover Handstand macht. Wir machen ja auch Nachtwanderungen mit Kindern.

Moenk moniert auch, dass auf der Öffentlichkeitsarbeit der DWJ ziemlich herumgetrampelt werde. Siehst du das auch so?

Tja, ganz unrecht hat er nicht, so mein persönliches Empfinden. Aber es ist ja auch nicht die breite Masse der Geocacher, die trampelt. Wer sich die Mühe machen will, kann ja mal zählen, wieviele User tatsächlich zu den penetranten Tramplern gehören. Einige meinen anscheinend, in einem Forum laut rumpoltern zu können. Komischerweise antworten die nie so richtig direkt auf konkret gestellte Sachfragen…
Meine Sicht ist da ganz pragmatisch: Auch wenn wir nicht die Interessenvertretung der Geocacher sind oder sein wollen, wenn wir in Sachfragen doch die gleiche Meinung vertreten, sollten wir dazu die entsprechenden Allianzen bilden. Schaden kann das nicht.

Viele Geocacher sehen Geocaching aber als bewusst vereinsfreie Zone und wollen gar nicht, dass Ihre Freizeitbeschäftigung für einen Verein vereinnahmt wird. Was sind überhaupt die Motive der DWJ, Geocaching zu promoten?

DWJ-HütteIch finde, dass das jeder ja auch so sehen kann wie er möchte und vereinnahmen ist so überhaupt nicht unser Ziel (ach so, die Geocaching-Weltherrschaft, hihi). Viele Wandervereine machen gute Angebote. Für Senioren, für Familien und für Kinder. Man kann sie nutzen und wirkt mit, oder man lässt es eben. Vermutlich sind Vereine an sich in den Köpfen zu negativ besetzt. Da gibt es Regularien zu beachten, teilweise überalterte Vorstände geben nichts an jüngere ab, man wird in die Pflicht genommen, soll wohlmöglich noch der Jugendwart werden, weil man zufällig sich einwenig im Umgang mit anspruchsvollen Pubertierenden auskennt. Händeringend suchen z.B. Jugendfeuerwehren, DLRG, THW und viele andere Organisationen Nachwuchs. Wer soll denn die Feuer löschen, wenn keiner mehr in der Freiwilligen Feuerwehr - einem Verein - ist? Wer soll den Kindern und Jugendlichen pädagogisch sinnvolle Angebote nach der Schule machen, damit sie nicht vielleicht unbeschäftigt irgendwo abhängen? Tja, jedes Ding hat seine zwei oder mehreren Seiten.
Wer meine Postings im Geoclub sucht (Nickname: DWJ_Bund), findet ausführliche Erläuterungen und Diskussionen zum “warum”.
Ganz kurz: Klar, wir möchten als nicht so bekannte Jugendorganisation bekannter werden. “Draußen unterwegs” ist unser Thema und Geocaching (gerade auch als Methode, nicht die Caches der Regionen plündern) gehört einfach dazu. Und einige springen derzeit auf den offensichtlich interessanten Zug auf. Selbst auf dem letzten Kirchentag gab es Geocaching-Angebote. Ich finde das prima. Vielleicht merken Pädadogen in den Schulen mal, wie gut man Wissensvermittlung, Schulwandern und für Schüler interessantes Lernen verpacken kann.

Möchtest du etwas zu den besonders anfänglich (2005) massiven verbalen Attacken gegen die DWJ sagen?

Nein, dazu habe ich schon vorhin was gesagt. Es ist auch recht ruhig geworden mit den Attacken. Wir möchten durch unsere Taten überzeugen und stellen uns durchaus Sachdiskussionen.

Nun führen ja auch einige zu recht ins Feld, dass Geocaching gar kein Wander-Hobby ist, besonders wenn man an Statistik-Touren per Auto denkt oder an urbanes Cachen. Ist das dennoch “förderungswürdiges” Geocaching für die DWJ?

Wandern ist enorm vielfältig. Vom klassischen Sonntagsnachmittagswanderer über Genusswanderer bis hin zu Trekking-Spezialisten. Ebenso verhält es sich mit dem Geocaching. Vom Parkplatz-Auto-Leitplanken-Cachen bis hin zur anspruchsvollen Multi-Cache-Serie oder Night-Cachen ist alles drin. Uns sind die laufenden Geocacher natürlich lieber, als die Parkplatz-Auto-Leitplanken-Cacher. Doch wenn diese Gruppe sich dann ja auch mal 3 km in den Wald wagt, freut’s mich, vielleicht lernen sie ja dabei ein bisschen die Natur kennen.

Ich hätte gern statistisch belastbares Zahlenmaterial, dann können wir darüber diskutieren, ob es 2% oder 20% Auto-Cacher sind.
Übrigens: Es ist egal, wie manche es bezeichnen. Wenn Wanderer oder Geocacher einen Fuß vor den anderen setzen und dabei z.B. 5 km zurückgelegt haben, dann ist das wandern. Oder wenn sie es wollen: Laufen. Das Ergebnis ist das Gleiche. Ich schmunzele darüber nur ein wenig. Ob da ein paar alte Klischees über das Wandern in den Köpfen festkleben? Zum Beispiel die Kniebundhose, kariertes Hemd, Socken und Heimatlieder trällernd durch die Lande ziehen, so wie im Heimatfilm der 50er Jahre?

In letzter Zeit sind Geocacher häufig von der Berichterstattung in den Medien enttäuscht, klagen über massive handwerkliche Fehler der Journalisten und lehnen immer mehr die Mithilfe bei etwaigen Hilfeersuchen im Forum ab. Teilweise mit sehr rüden Worten. Braucht Geocaching noch mehr Medienpräsenz?

Nein, mehr Medienpräsenz vermutlich nicht, der Medienhype ist sowieso durch, das merke ich an der stagnierenden bzw. rückläufigen Zahl der Medienanfragen bei uns. Aber qualitativ wertvolle Beiträge können es ruhig sein, dann braucht’s aber fachliche Unterstützung aus den Reihen der Geocacher. Einige Journalisten habe ich abblitzen lassen, als deutlich wurde, was im jeweiligen Bericht rauskommen soll. Man muss halt Fragen stellen und wenn keine akzeptablen Antworten kommen, dankt man freundlich fürs Gespräch. Dumm ist nur, dass die dann trotzdem berichten, nur falsch und unvollständig. Die wollen ja auch ihre Brötchen verdienen … Und zu den rüden Worten: Manche haben zuhause wohl nicht gelernt, freundlich “Nein, danke! Kein Interesse!” zu sagen. Manche Foren sind sprachlich ein wenig kultivierter. Mal sehen, was nun über mich gepostet wird, hihi.

Hast du Tipps für den Umgang mit Medienvertretern? Jetzt ganz vorsichtig, ich bin selber einer ;-)!

Zunächst was ganz Banales: Das sind alles Menschen. Die machen auch nur ihren Job. Wie ich schon sagte, man kann freundlich Nein sagen. Ein Beispiel: Der Kameramann eines TV-Team wollte unbedingt den Cache an einer bestimmten Stelle filmen: “Das Licht ist da so toll!”. Nur: Ein Cache an dieser Stelle versteckt, wäre total unrealistisch gewesen. Also hab ich das dem netten Mann gesagt. Hat ihn erst wenig interessiert, bis ich ihm freundlich sagte: “Wir machen es so, wie es realistisch ist, oder wir lassen es bleiben.” Er war nicht glücklich, aber was soll’s. Das Kamerateam will ja was von Dir, nicht Du von Ihnen (na gut, nicht ganz: Man will sich ja doch mal ganz gern im Fernsehen sehen, oder?) Mein Tipp daher: Freundlich und konsequent. Das reicht schon.

Vielen Dank für das Interview, Jörg.

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Written by ksmichel in: Interviews |

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