Ja, euer Ehren, verehrte Geschworene: Es ist wahr, dass Multis oft links liegen bleiben, wenn man stattdessen eine Menge Tradis machen kann. Doch ist es nicht Zeit, statt tradi-tioneller Langeweile mal für eine Multi-Kulti-Welt zu streiten? Ich meine: ja.
Die Staatsanwaltschaft hat bereits nachgewiesen, wie schlecht gemachte Multis sich auf das Gemüt von Geocachern auswirken. Es ist in der Tat nicht abzuleugnen, dass schon die bloße Anwesenheit von Rechenaufgaben in der Cachebeschreibung etwa genauso wirkt wie Autan auf das Klientel der Mücken. Und - fürwahr! - sollen auch noch Quersummen gebildet werden oder verwirrend falsch beschriebene Dinge rechts oder links von irgendwas gesucht werden, dann hat man sogleich einen Multi mit vielen Möglichkeiten - nicht, dass dies gut wäre! Mit einem Brett vorm Kopf ist schlecht Cachen.
Wer, liebe Geschworene, kennt nicht das endlose Lamentieren, ob nun bei einer Treppe auch die oberste (unterste) mitgezählt werden soll oder nicht. Und hat nicht ein jeder von Ihnen mitten im Wald ganz unvermutet schon vor der Frage gestanden, wie ein Kegelschnitt zu berechnen ist, um den nächsten Wegpunkt zu ermitteln. Kaum zu reden von den Multis, bei denen der Owner nicht geahnt hat, dass es mehrere gleich plausible Lösungen zu den gestellten Aufgaben gibt (”Suche das Portal mit den zwei Steinen davor” - schade, denn es gibt derer vier!). Oder von fahrlässig undeutlichen Formulierungen aller Art (”Wie viele Bretter hat die Brücke?” - sind nur die Schwellen gemeint oder auch das Geländer?). Es grenzt in der Tat an Freiheitsberaubung, wenn nach 13 von 14 Stationen noch gar nicht klar ist, wann nun endlich das Ziel der Reise erreicht ist. All das wirkt stark belastend für den Multi.
Doch, sehr verehrte Damen und Herren, fragen Sie sich selbst: An welche Caches können Sie sich wahrhaftig erinnern? War es das Gotteshaus in Hinterobereistedt oder gar das Wasserhaus in Vorunterhuhndorf? Vielleicht der Mikro an dem Wasserschild? Prüfen Sie Ihr Gewissen gründlich! Denn nur allzuoft wird das Ergebnis sein: Es sind die Multis, an die wir uns erinnern.
Kommen wir nun nur Frage: Was ist ein guter Multi?
Eigentlich ist das ganz einfach zu beantworten: Ein guter Multi vermeidet die Fehler von schlechten, welche dem Hohen Gericht ja bereits hinlänglich geschildert wurden und die im übrigen auch unstreitig sind. Doch darüber hinaus hat ein guter Multi ein ganz besonderes Extra: Ein guter Multi lässt die Suchenden eine Geschichte erleben. Sie tauchen also geradezu ab und sind plötzlich Antragsteller einer Eisenbahn-Baumaßnahme, verfolgen einen Verbrecher als James Bond, jagen entlaufene Mitarbeiter oder suchen eine entlaufene Katze. Gute Multis ziehen die Cacher geradezu ins Abenteuer hinein. Und wo, hochmögende Geschworene, können wir uns in dieser zubetonierten Welt, die bis auf den Biegeradius von Bananen zureguliert scheint, noch einmal so unbekümmert fühlen wie ein Kind.
Hohes Gericht, ich frage Sie: können wir etwas verurteilen, dass uns wieder ganz absichtsvoll wieder in diese Zeit versetzt? Wenn Sie das immer noch tun wollen, sollten Sie sich besser mit diesem Thema befassen.
